Die Breitenkultur ist selbstbewusster geworden. Eine Expertendiskussion

Der Status quo der Breitenkultur in Niedersachsen war das Thema eines Runden Tisches mit Experten verschiedenster Fachgebiete, zu dem das Institut für Kulturpolitik und die Friedrich Ebert Stiftung eingeladen hatten. Gerd Dallmann (Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur in Niedersachsen), Caroline Gehring (Generalsekretärin des Landesmusikrates), Dr. Julia Helmke (Kulturbeauftragte der Evangelischen Landeskirche Hannover), Norbert Radermacher (Präsident des Bundes Deutscher Amateurtheater) und Olaf Martin (Geschäftsführer des Landschaftsverbandes Südniedersachsen) beteiligten sich an der engagierten Diskussion. Gemeinsam mit Studierenden und Dozierenden des Instituts wurden Stärken betont, Problemfelder umrissen und über Perspektiven für dieses vielschichtige Gebiet diskutiert.

Zu Beginn der Veranstaltung unterstrich Professor Wolfgang Schneider noch einmal die Relevanz des Themas: Der Großteil öffentlicher Mittel für Kultur in Deutschland fließe in städtische Institutionen, obwohl ein beachtlicher Teil der Bevölkerung außerhalb großer Städte lebe. Gerade Niedersachsen sei als Flächenland von dieser Diskrepanz besonders betroffen. Der Begriff Breitenkultur sei ein Dachbegriff für verschiedenste Ansätze und Felder im Bereich ländlicher Kultur. Den Charakter der kulturellen Arbeit auf dem Land besser zu verstehen, war Ziel eines von Schneider geleiteten Seminars im Sommersemester 2011, aus dem erste Texte für ein Weißbuch der Breitenkultur entstanden sind. Das geplante Weißbuch ist ein wichtiges Symbol der Wertschätzung für ein vielschichtiges Gebiet, dem in kulturpolitischen Überlegungen oft eine nur geringe Rolle beigemessen wird.

Generations- und milieuübergreifende Arbeit

Der Präsident des Bundes Deutscher Amateurtheater Norbert Radermacher ergänzte diese allgemeine Einschätzung um ein konkretes Beispiel, das die Vielzahl an kulturell Aktiven auf dem Land verdeutlichte: Das Dorf Ahmsen im Emsland hat nur etwa 300 Einwohner. 250 von ihnen sind an der örtlichen Freilichtbühne beteiligt, die jährlich circa 35.000 Zuschauer ins Dorf lockt. Und Ahmsen ist kein Einzelfall: „Die circa 2.500 Bühnen, die wir in Deutschland haben, erreichen mit ihren circa 100.000 ehrenamtlichen Kräften acht Millionen Zuschauer. Das ist im Spektrum der Theaterlandschaft eine gewaltige Zahl.“

Auch die anderen Verbandsvertreter konnten mit Zahlen beeindrucken. Allein in Niedersachsen gibt es beispielsweise 13.000 Bläser in 690 kirchlichen Ensembles, erklärte Julia Helmke. Den nur sieben Hauptamtlichen in diesem Bereich stehe eine Vielzahl an ehrenamtlich Engagierten gegenüber. „Das ist wirklich etwas Generations- und Milieuübergreifendes. Von vier Jahren bis achtzig, der Richter sitzt neben dem Bauer“, berichtet Helmke begeistert. „Das ist sonst in der Kirche kaum mehr möglich.“

Julia Helmke hält es für besonders wichtig, kostenlose Räume bereitzustellen, in denen sich die Gruppen treffen können. Dazu gehöre auch, dass diese Räume verlässlich bereit stünden. Gerd Dallmann ergänzte dazu, dass auch Soziokultur mit der Idee angetreten sei, dass die Schaffung von Freiräumen Menschen zu kreativem Tun bewege. „Um bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen, muss man aber auch selber aktiv auf sie zugehen. Man muss Impulse setzen.“

Soziokultur und Breitenkultur seien eng verbunden, so Gerd Dallmann weiter. In den ländlichen Regionen sei eine besondere Ausprägung von Soziokultur entstanden, die sehr große Nähe zur Breitenkultur habe. Auf dem Land haben sich viele Initiativen gegründet, die nicht mehr nur gemischter Chor oder Heimatverein sein wollen, sondern eine breiter aufgestellte, modernere Kulturarbeit verfolgen, um sich auch mit Strukturentwicklungen auf dem Land auseinanderzusetzen. Um dieses starke Verhältnis zu betonen, sei die LAGS mit dem Niedersächsischen Heimatbund eine gegenseitige Mitgliedschaft eingegangen, die nicht nur symbolischen Charakter habe. So berate die LAGS Akteure, Vereine und einzelne Gruppierungen und stelle Freiräume für das Engagement bereit.

Finanzielle Unterstützung lokaler Akteure

Wie schwierig es ist, als großer Verband Aussagen über kleine lokale Initiativen zu treffen, machte Olaf Martin gleich zu Beginn deutlich: Als Kulturförderer kommen die Landschaften mit einem Gutteil der Breitenkultur gar nicht in Kontakt, weil deren Zuschussbedarf in der Regel zu gering sei. Diese Kultur, die sich auch durch eine breite Mitgliedsbasis auszeichne, finanziere sich eher durch Mitgliedsbeiträge und die Unterstützung von kleinen Gewerbetreibenden vor Ort.

Doreen Götzky stellte fest, dass die geringe Nachfrage auch bedeuten könne, dass die Förderinstrumente der Landschaftsverbände auf breitenkulturelle Arbeit gar nicht eingestellt sind, weil dort manchmal nur Kleinstbeträge nötig sind, die vielleicht auch unbürokratisch vergeben werden müssten. Olaf Martin stimmte dieser Beobachtung zu: „Die Förderinstrumente, die üblicherweise die Landschaftsverbände und auch die Förderstiftungen haben, sind nicht geeignet für diese Art von Kulturarbeit.“ Es sei aber auch nicht notwendig, dort mit finanzieller Förderung einzugreifen. Vielmehr müsse man auf dieser Ebene Räume bereitstellen und die Qualifikation von Multiplikatoren und Übungsleiter sicher stellen. Deshalb sei es notwendig, die Arbeit der Institutionen zu fördern, die diese direkte Unterstützung ermöglichen können.

Während die Förderer nicht bis in die lokalen Szenen vordringen können, ermöglicht die Organisationsweise der Verbände diesen Kontakt besonders gut, wie Caroline Gehring verdeutlichte: Der Landesmusikrat ist der Dachverband der musikalischen Verbände in Niedersachsen, die nach Fachrichtung untergliedert werden. Die Fachverbände, wie z.B. die Chorverbände, haben wiederum Kreisverbände, die die einzelnen Vereine, Ensembles und Chöre in der Fläche vernetzen.

Landschaftsverbände und Landesmusikrat haben sich nun in einem beispielhaften Projekt zusammen getan, um ihre jeweiligen Stärken auszuspielen: Die Kontaktstellen Musik bringen die Musikschaffenden einer Region an einen Tisch und initiieren gemeinsame Projekte. Durch diese Zusammenarbeit sei des den Kontaktstellen möglich, bei den Landschaften eine Chance auf Förderung zu haben, die dann auch wieder jedem einzelnen Verein zu Gute kommt.

Breitenkultur ist Kulturelle Bildung

Ein vorrangiges Thema ist für alle Verbände die Frage des Nachwuchses. „Wenn das Ganztagsschulangebot kommt, ist auch keine Zeit mehr, in unsere Bläsergruppen zu gehen“, meinte Julia Helmke. Es sei immer wichtiger, sich mit anderen Akteuren zu vernetzen, betonte Helmke. Die evangelische Kirche arbeite nun mit Musikschulen zusammen, um dort kostenlose Gruppen einzurichten.
Für den Landesmusikrat nannte Caroline Gehring das Projekt Musikmentoren, das Schüler musikpädagogische Qualifikationen vermittelt. Als Multiplikatoren können sie diese Fähigkeiten in ihren jeweiligen Ensembles wieder einbringen, zum Beispiel als Unterstützung der Übungsleiter. Das Programm unterstütze auch den Wunsch, später ein musikpädagogisches Studium zu absolvieren: „So leisten wir einen Beitrag zur weiteren Qualifizierung.“

Professorin Isabelle Reinwand stellte daraufhin die Frage in den Raum, ob nicht Breitenkultur überhaupt das Schlagwort sei, wenn man sich über Kulturelle Bildung unterhalte. Die typischen Forderungen an Kulturelle Bildung – Partizipation und Teilhabe von Anfang an und lebenslang – seien in Breitenkultur exemplarisch erfüllt. Damit müsse Breitenkultur auch mehr werben, forderte sie.

Am Ende der Veranstaltung resümierte Norbert Radermacher, die Breitenkultur sei deutlich selbstbewusster geworden. „Auch wenn wir das Ziel, auf Augenhöhe zu diskutieren, noch nicht erreicht haben, glaube ich, dass die Breitenkultur ihre gesellschaftliche Wirkung erkennt und dabei ist, ihre Stärken zu definieren.“

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